Sucht im Alter in der Pflege

Bisher liegen nur wenige Studien zur Häufigkeit von Alkoholstörungen und riskanten Substanzkonsummustern bei Pflegebedürftigen in der ambulanten, teilstationären und stationären Altenhilfe vor. So reichen Schätzungen und Erhebungen des Anteils von Menschen mit Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit unter Alten- und Pflegeheimbewohnern von 7,5 % bis 26 % (z. B. Oslin et al. 1997, Ondus et al. 1999, Weyerer et al. 1999, Weyerer et al. 2006). In regionalen Studien von Weyerer et al. (2006) in 13 Mannheimer Pflegeheimen mit ca. 1300 Bewohnern wiesen 25-27 % der Männer und 5 % der Frauen zum Erhebungszeitpunkt eine (schon vor Heimeintritt vorhandene) ärztlich diagnostizierte psychische oder Verhaltensstörung durch Alkohol auf. Bei diesen Bewohnern mit einer Alkoholabhängigkeit sank der Alkoholkonsum nach Pflegeheimeintritt deutlich ab, dennoch wurde über die drei Erhebungszeitpunkte von 15,9 % bis 27 % dieser Pflegebedürftigen weiter missbräuchlich Alkohol konsumiert. Ein aktueller Alkoholmissbrauch zeigte sich jedoch nicht nur bei Personen, die bereits bei Heimeintritt eine Abhängigkeitsdiagnose aufwiesen, sondern auch bei 1,2 % bis 2,8 % der Personen, bei denen bei Heimeintritt keine Alkoholstörung diagnostiziert wurde – das heißt auch in institutionalisierten Pflegeeinrichtungen treten Alkoholprobleme biografisch gesehen neu oder wieder auf.

Ältere Personen mit einer diagnostizierten Alkoholabhängigkeit in der stationären Altenhilfe lassen sich folgendermaßen beschreiben: Sie sind deutlich jünger, häufiger in ungefestigten sozialen Beziehungen, signifikant häufiger in einer gesetzlichen Betreuung, rauchen deutlich häufiger und stärker, sind aber funktionell weniger eingeschränkt, also trotz stationärer Betreuung weniger hilfs- und pflegebedürftig (Schäufele et al. 2009). Die geringere Pflegebedürftigkeit nach Einstufung in die Pflegestufen bei Bewohnern mit einer Alkoholdiagnose relativiert sich aber angesichts der häufigeren Diagnosen von psychischen und Verhaltensstörungen (außer affektiven Störungen, die signifikant seltener auftraten) sowie dem signifikant häufigeren Auftreten von neuropsychiatrischen Symptomen in schwerer Ausprägung (Reizbarkeit, Labilität, Agitiertheit/Aggression, Enthemmung, Hochstimmung/Euphorie), die jeweils den Pflegealltag erheblich beeinflussen können.

Insbesondere chronisch mehrfach beeinträchtigte Abhängigkeitserkrankte sowie Menschen mit illegalem Drogenkonsum (insb. intravenöser Konsum von Opiaten), wenn sie durch einen intensiven Drogenkonsum vorzeitig gealtert sind, stellen durch die vorliegenden massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen besondere Herausforderungen an die Altenpflegeversorgung dar. Bei älter werdenden Konsumenten illegaler Drogen fanden Vogt et al. (2010) vor allem schwere, häufig chronische Lebererkrankungen, Lungenerkrankungen und Tuberkulose, Herz-Kreislauferkrankungen, Venenerkrankungen, arthritische Erkrankungen oder HIV-/AIDS-Erkrankungen und die häufige Multimorbidität von besonderer pflegerischer Bedeutung; im Weiteren berichten 46 % der älteren Drogenabhängigen von einer oder mehreren psychiatrischen Störungen neben der Substanzabhängigkeitserkrankung und 40 % von Suizidgedanken. In den ergänzenden qualitativen Interviews mit älteren Drogenabhängigen zeigte sich, dass im Krankheitsfall mindestens 30 der 50 Befragten auf die Versorgung durch professionelle Dienste (Suchthilfe, Pflegedienste, Haushaltshilfe usw.) angewiesen sind, da sie selten über ein funktionierendes soziales Unterstützungssystem verfügten.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Versorgungssysteme der Alten-, aber auch der Suchthilfe sich auf eine wachsende Anzahl älterer Klientinnen und Klienten mit Suchtstörungen einstellen müssen, mit allen damit verbundenen Folgen. In der pflegewissenschaftlichen Literatur werden hier – allerdings bisher ohne tiefergehende, adäquate empirische Basis – folgende Unsicherheiten oder Unterschiede in der professionellen Pflegegestaltung beim Thema „Sucht im Alter“ benannt:

  • Schwierigkeiten im Umgang mit anhaltendem Konsum legaler oder (insb. in der ambulanten Pflege) auch illegaler Substanzen,
  • Schwierigkeiten in der Akzeptanz gegenüber Lebensweisen und Gewohnheiten von alkohol- oder drogenabhängigen Personen,
  • Schwierigkeiten, suchtspezifisches Verhalten wie geringe Eigeninitiative, Rückfälle usw. nicht als Pflegeversagen zu sehen,
  • Fragen zur Verfügbarkeit oder Abstinenzgebot von Alkohol als Genussmittel in Einrichtungen,
  • uneinheitliche Vorgehensweise des Pflegeteams

(u. a. Flick & Röhnsch 2011, Werner 2011, Vogt et al. 2010, Kämper 2009).

Im pflegerischen Alltag kommen subjektive oder organisationale ethische Grundkonflikte in der Abwägung individueller Selbstbestimmung (in diesem Falle des Konsums) und gesamtgesellschaftlicher Interessenslagen hinzu; dabei stellt sich auch die praxisrelevante Frage nach dem Umgang mit der Autonomie und Eigenverantwortlichkeit der Pflegebedürftigen, obwohl sie sich durch einen riskanten oder abhängigen Substanzkonsum in einer Einrichtungsbetreuung selbst schädigen (Werner 2011, Jonas 1999). Bezüglich der Zielgruppe Älterer mit einer Lebenszeitdiagnose Alkoholabhängigkeit resümieren Schäufele et al. (2009, S. 300) als besondere Herausforderung an die Pflegekräfte, aber auch Ärzte, dass „in den Heimen dabei weniger auf das aktuelle, relativ geringe Konsumverhalten zu fokussieren (sei), sondern vielmehr auf die erheblichen Folgen langjähriger alkoholbezogener Störungen: psychische und physische Komorbidität, verbreiteter Nikotinabusus sowie soziale Defizite und Verhaltensstörungen“. In der pflegewissenschaftlichen Literatur werden als Aufgaben der Pflege bei der Zielgruppe Älterer mit riskantem oder abhängigem Substanzkonsum folgende Aspekte häufig benannt:

  • Diagnostik des Substanzproblems wie auch der Entzugserscheinungen
  • vertrauensvolle Pflegebeziehung
  • angemessene Gesprächsführung (z. B. Motivierende Gesprächsführung)
  • Unterstützung der Bewohner in (ggf. selbstbestimmten) Maßnahmen der Konsumreduktion und Rückfallprävention sowie
  • Umgangsweisen mit Verhaltensschwierigkeiten (z. B. Aggressivität, Reizbarkeit, Vernachlässigung des äußeren Erscheinungsbildes, Hygieneprobleme, Sturz- und Verletzungsgefahr, fehlende Eigeninitiative, Konflikte mit Personal und Mitbewohnern, Substanzkonsum außerhalb der Pflegeeinrichtung).

Vor dem Hintergrund eines wachsenden Potenzials bei der professionellen Beantwortung von Pflegebedürftigkeit ist entsprechend auch damit zu rechnen, dass sich zukünftig unter den betreuten Personen mehr ältere Menschen mit einer Suchtproblematik finden lassen. Forderungen nach geregelten Vorgehensweisen oder Handlungsstrategien, u. a. durch Pflegestandards oder einheitliche Regeln und Konzepte in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen, die dadurch Sicherheit im Umgang mit substanzmissbrauchenden oder -abhängigen Bewohnern vermitteln, werden u. a. von Werner (2011), Flick & Röhnsch (2011), Kämper (2009) oder Schmitz & König (2007) formuliert. Auf Basis der Untersuchung von Kuhn und Haasen (2009) lässt sich bereits aktuell ein Potenzial von ca. 7.500 Einrichtungen nennen, die von der Entwicklung von Experten-Handlungsempfehlungen und einem Pflegekonzept profitieren könnten.

Literatur

  • Flick, U. & Röhnsch, G. (2011). Vulnerable Bevölkerungsgruppen. In D. Schaeffer & K. Wingenfeld (Hrsg.), Handbuch Pflegewissenschaft, 447-468. Weinheim.
  • Jonas, I. (1999). Suchttherapie speziell für Ältere in der Fachklinik Fredeburg. „Die Welt wieder mit anderen Augen sehen“. Pro Alter, 3, 13-16.
  • Kämper, B. (2009). Drogenabhängigkeit und ambulante Pflege – Eine Falldarstellung. Suchttherapie, 10, 25-27.
  • Kuhn, S. & Haasen, C. (2009). Repräsentative Erhebung zum Umgang mit suchtmittelabhängigen älteren Menschen in stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen. Abschlussbericht. Hamburg: Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung an der Universitätsklinik Hamburg. Online verfügbar unter www.zis-hamburg.de/uploads/tx_userzis/Kuhn_Haasen_2009_Abschlussbericht_Sucht_im_Alter.pdf (zuletzt geprüft am 10.01.2014).
  • Ondus, K.A., Hujer, M.E., Mann, A.E. & Mion, L.C. (1999). Substance abuse and the hospitalized elderly. Orthopaedic nursing, 18 (4), 27-34.
  • Oslin, D.W., Streim, J.E., Parmelee, P. et al. (1997). Alcohol abuse: A source of reversible functional disability among residents of a VA nursing home. International Journal of Geriatric Psychiatry, 12, 825-832.
  • Schäufele, M., Weyerer, S., Hendlmeier, I. & Köhler, L. (2009). Alkoholbezogene Störungen bei Menschen in Einrichtungen der stationären Altenhilfe: eine bundesweite repräsentative Studie. Sucht, 55, 292-302.
  • Schmitz, F. & König, D. (2007). Alkohol und Tabletten im Pflegeheim – was tun? Die Schwester/Der Pfleger, 46, 586-590.
  • Vogt, I., Eppler, N., Ohms, C., Stiehr, K. & Kaucher, M. (2010). Ältere Drogenabhängige in Deutschland. Wie soll man in Zukunft ältere Drogenabhängige mit gesundheitlichen Beschwerden oder Pflegebedarf versorgen. Abschlussbericht für das Bundesministerium für Gesundheit. Frankfurt am Main. Online verfügbar unter www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/DrogenundSucht/Suchtstoffuebergreifende_Themen/Downloads/Abschlussbericht_Aeltere_Drogenabhaengige_100501_Drogenbeauftragte.pdf (zuletzt geprüft am 10.01.2014).
  • Werner, S. (2011). Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit im Pflegeheim – oft fehlen die richtigen Konzepte. Pflegezeitschrift, 64 (2), 70-73.
  • Weyerer, S., Schäufele, M. & Zimber, A. (1999). Alcohol problems among residents in old age homes in the city of Mannheim, Germany. Aust N Z J Psychiatry, 33, 825-830.
  • Weyerer, S., Schäufele, M. & Hendlmeier, I. (2006). Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit bei Bewohnern und Bewohnerinnen in Altenpflegeheimen: Repräsentative Ergebnisse aus der Stadt Mannheim. Zeitschrift für Gerontopsychologie und -psychiatrie, 19, 229-235.

© Tanja Hoff & Michael Isfort, KatHO NRW Köln